Um was geht’s beim Krieg auf der arabischen Halbinsel? (Jemen)
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Entnommen aus mein-parteibuch.com, 21.12.2009
Große Teile der arabischen Halbinsel kann man getrost als Schlaraffenland betrachten, in dem Milch und Honig fließen. Das Königreich Saudi-Arabien verfügt über die größten Ölreserven der Welt, die Erbmonarchie Kuwait kann über 90% seiner Staatsausgaben aus Öleinnahmen bestreiten, die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen dank reichlich Öl über das sechzehnthöchste BIP-Pro-Kopf und das Scheichtum Katar gar über das höchste kaufkraftbezogene Pro-Kopf-BIP der Welt. Auch im Sultanat Oman sieht es mit dem Wohlstand ganz ordentlich aus, doch in dem teilweise zur arabischen Halbinsel gehörenden Königreich Jordanien und in der gerade von den USA und ihrer Koalition der Willigen überfallenen Republik Irak sieht es, bezüglich des Wohlstandes, viel weniger gut aus. Ganz fürchterlich sieht es in der im tiefsten Südwesten der arabischen Halbinsel gelegenen islamischen Präsidialrepublik Jemen aus, wo, wie der Guardian – hier übersetzt vom Freitag – gerade beiläufig anmerkte, täglich etwa 250 Kinder verhungern. Und genau da, in der Präsidentialrepublik Jemen, findet gerade ein fürchterlich brutaler Krieg statt, den sich westliche Medien nach allen Regeln der Kunst, so gut es nur geht, zu verschweigen bemühen.
Krieg beziehungsweise Bürgerkrieg hat es in den letzten Jahrzehnten im Jemen schon öfter gegeben. Viel öffentliche Anteilnahme hat es nie gegeben, weder auf der arabischen Halbinsel noch im Westen. Ob die Menschen in diesem armen Land verhungern oder durch Bürgerkrieg sterben, interessiert im Rest der Welt kaum jemanden. Das bisschen Öl, was es im Süden des Jemen gibt, ist kaum der Rede wert. Das hat sich nun jedoch geändert. Zwar berichten die westlichen Medien fast nichts davon, doch nach Jordanien sind nun auch Saudi-Arabien und die USA an den Kämpfen im Jemen mit ihren Armeen direkt beteiligt. Zunächst mal: Wer kämpft da eigentlich gegen wen?
Die Regierung des früheren nordjemenitischen und jetztigen gesamtjemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh, der aus der zaiditisch-schiitischen Minderheit stammt, kämpft seit fünf Jahren gegen einen zunächst vom zaiditisch-schiitischen Geistlichen Hussein Badreddin al-Houthi angeführten Aufstand in der nordjemenitischen Provinz Sa’dah. Houthi und seine Anhänger, deren Bewegung meist als Houthis bezeichnet wird, fordern mehr religiöse, politische und wirtschaftliche Freiheit von der Zentralregierung. Dass der 2004 verstorbene Al-Houthi religiöser Führer ausgerechnet der religiösen Minderheit war, zu der Präsident und seiner Familie gehören, macht, da Al-Houthi gerade im engeren Umfeld des Präsidenten durchaus geachtet war, den Kampf gegen die Söhne und Anhänger von Al-Houthi nicht gerade leichter, für Ali Abdullah Saleh aber umso gefährlicher. Dass er den Houthis obendrein vorwirft, Anti-Amerikanismus zu schüren, macht ihn bei der Bevölkerung des Yemen obendrein noch unbeliebter.
Im August 2009 startete Ali Abdullah Saleh die Großoffensive Operation Scorched Earth, wobei er sunnitische Extremisten, die zum Teil von Houthis auch als “Al-Kaida” bezeichnet werden, zur Verstärkung seiner Armee benutzte. Doch die schiitischen Widerstandskämpfer brachten den Vormarsch der Armee am Boden mit Antipanzer-Waffen und Sprengfallen zum Stehen und mit Boden-Luft-Raketen gelang ihnen eingestandenermaßen sogar der Abschuss von angreifenden Kampfflugzeugen. Kommentatoren machen die schiitische libanesische Widerstandsorganisation Hisbollah und Iran, die mit den Houthi sympathisieren, für die erstaunlichen militärischen Fähigkeiten der Houthi verantwortlich.
Des weiteren hat die jemenitische Zentralregierung in Sanaa noch ein Problem mit Protesten, die seit dem für Ali Abdullah Saleh siegreichen Bürgerkrieg 1994 gegen sozialistische Sezessionisten im südlichen Teil des Jemens in erster Linie ziviler Art sind. Diese Bewegung mit Schwerpunkt in Aden wird als sogenannte “Southern Movement” bezeichnet und von der von Regierungen von NATO-Staaten finanzierten Organisation zur psychologischen Kriegsführung Human Rights Watch propagandistisch unterstützt.
Saudi-Arabien nimmt, auch wenn die saudische Regierung das anfangs geheim zu halten versuchte und auch heute die führende Webseite aus Sadah dort genauso gesperrt ist wie die Regierung des Jemen, spätestens seit Ende Oktober mit Billigung der jemenitischen Regierung aktiv am Krieg gegen die schiitischen Houthi-Rebellen teil. Lange ließ sich das nicht verheimlichen, denn die dabei von den Saudis dabei “verlorenen” Waffenarsenale kann sich jedermann im Internet ansehen. Und irgendwann ließen sich auch bei den Kämpfen ums Leben gekommene saudische Soldaten nicht mehr verheimlichen. Im eigenen Volk beliebt macht sich die saudische Regierung durch solche militärischen Attacken auf muslimische Freiheitskämpfer natürlich nicht. Die saudische Armee versucht nun mit all ihren vielen im Westen mit Petrodollars eingekauften schweren Waffen ein recht kleines Häufchen von Widerstandskämpfern im bitterarmen Nachbarland zu besiegen. Dazu hat die saudische Luftwaffe inzwischen Hunderte von Luftangriffen auf Grenzdörfer im Jemen geflogen und dabei mehr als 1000 Raketen verschossen.
Da es weder der Regierung des Jemen noch den Saudis gelang, die antiamerikanischen Widerstandskämpfer in den nordjemenitischen Bergen zu besiegen, nehmen seit spätestens November auch die Armeen von Jordanien und Marokko mit Spezialeinheiten am Krieg gegen die Houthis teil. Seit Mitte Dezember behaupten die Houthis, dass nun auch die USA selbst massive Luftangriffe gegen die Houthis fliegen, um der unglücklich agierenden jemenitischen Armee zu helfen.
US-Regierungsvertreter behaupten, sie würden im Jemen gegen “Al Kaida” kämpfen. Ziel von von Barack Obama angeordneten und am Donnerstag in Übereinstimmung mit der jemenitischen Regierung durchgeführten Raketenangriffen auf Abyan und im Bezirk Arhab sei unter anderem der als Anführer von Al Kaida auf der arabischen Halbinsel bezeichnete Qasim al-Raymi gewesen, behaupten laut New York Times US-Regierungsvertreter. Außerdem wurde kürzlich berichtet, dass US-Spezialeinheiten in den Jemen geschickt worden seien, um die jemenitische Armee für den Kampf gegen Al Kaida “auszubilden”. Der für die Region zuständige US-Kommandeur General David Petraeus legte in einem Interview mit Al Arabia letzten Sonntag den Fokus nicht auf Al Kaida. Der US-Kommandeur erzählte da nämlich, dass die US-Flotte vor der Küste des Jemens im Einsatz sei, um Waffenschmuggel an die Houthis zu unterbinden.
Soweit soll es das zu der Frage gewesen sein, wer in diesem mit äußerster Brutalität geführten Krieg an einem der unwirklichsten und ärmlichsten Flecken der Erde gegen wen kämpft. Als nächstes soll auf die Frage eingegangen werden, welche Motive hinter dem Blackout der westlichen Medien über diesen Krieg stehen könnten und sich von da aus dann der Frage genähert werden, um was es bei diesem fürchterlichen Krieg eigentlich geht.
Dabei soll von der im Artikel zur Geschichte der Mediensteuerung detailliert erläuterten These ausgegangen werden, dass die meisten westlichen Medien seit dem Ende des zweiten Weltkrieges und da insbesondere die deutschen Medien fest inder Hand der USA sind. Berichtet wird in den deutschen Medien, was im Interesse der USA liegt. Da in Deutschland Medienberichte über diesen Krieg ausbleiben, obwohl da in wenigen Tagen Hunderte von Luftangriffe geflogen wurden, liegt es demzufolge im Interesse der USA, die Bevölkerung über den brutalen Krieg auf der arabischen Halbinsel nicht zu informieren.
Eine erste Annahme, dass dahinter das Bestreben der USA steht, das öffentliche Ansehen des US-Präsidenten Barack Obama als Friedennobelpreisträger nicht damit zu beschädigen, dass er als brutaler Kriegsherr dasteht, kann kaum ausschlaggebend sein. Schließlich ist bestens bekannt, dass Barack Obama den Krieg in Afghanistan durch massive Truppenaufstockungen nach Kräften ausweitet und mit Stanley McChrystal den Herr über Cheneys extralegaler Mörderbande sogar zum Kommandierenden über Afghanistan befördert hat. An den Händen von Barack Obama klebt schon jetzt fast genausoviel Blut wie an den Händen des Friedensnodelpreisträgers Henry Kissinger und das ist für jeden sichtbar.
Eine zweite Annahme, dass der Medienblackout insbesondere dem Widerspruch zwischen den Angaben der Houthis und denen der USA bezüglich Al Kaida geschuldet sein könnte, macht da schon mehr Sinn. Die USA behaupten zwar, dass sie im Jemen Al Kaida bekämpft, doch das ist wenig glaubwürdig. Schießlich kämpft der jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh allem Anschein nach gemeinsam mit Al Kaida gegen die Houthis und US-Kommandeur David Patreus bestätigte, dass auch der Einsatz der US-Flotte insbesondere den Houthis gilt. Die USA könnten nach 911, wo danach das Märchen von “Al Kaida” jahrelang als Personifizierung des Bösen dargestellt wurde, durchaus ein paar Probleme haben, der Öffentlichkeit zu erklären, dass “Al Kaida” nun plötzlich zu “den Guten” gehört, mit denen die USA und ihre Verbündeten, zu denen beispielsweise das mit der Familie Bush bestens befreundete Königshaus von Saudi-Arabien gehört, gemeinsam gegen schiitische Aufständische im nördlichen Jemen kämpfen. Natürlich sähe das etwas merkwürdig aus, wenn westliche Medien, allen voran natürlich Rupert Murdochs Fox News, sich hinstellen müssten, und Al Kaida plötzlich als die besten Freunde und Waffenbrüder der USA im Kampf gegen falsch gläubige Muslime bezeichnen würden. Doch angesichts dessen, wie schnell aus dem US-Waffenbruder Osama Bin Laden im Kampf gegen den Kommunismus in Afghanistan in den westlichen Medien ein fieser Terrorist wurde, darf man sicher davon ausgehen, dass die westlichen Massenmedien genauso in der Lage sind, Al Kaida wieder von allen Vorwürfen reinzuwaschen, wenn es im Interesse der USA liegt. Die Massenmedien haben schließlich bisher noch nicht mal ein Problem damit, dass die USA gerade mit eben jenen Terroristen Operationen gegen Pakistan gefahren haben und dabei in flagranti erwischt wurden.
Eine dritte Annahme dazu, warum die westlichen Medien über den Krieg gegen die Houthis nichts berichten, scheint viel plausibler. Diese Annahme geht davon aus, dass der Konflikt gegen die im Iran große Sympathien genießenden Houthi vom jemenitisch-saudischen Grenzgebiet aus auch auf andere Teile Saudi-Arabiens übergreifen könnte, und zwar um so mehr, je mehr der Konflikt überhaupt wahrgenommen wird.
So konnte man vor gut einem halben Jahr lesen, dass im armen Städtchen “Awwamiya” im östlichen Saudi-Arabien schiitische Unruhen niedergeschlagen wurden. Und auch in der nahen Großstadt Qatif gärt es unter den Schiiten, die dort die Bevölkerungsmehrheit stellen. Da könnte Saudi Arabien also möglicherweise eine schiitische Sezessionsbewegung drohen.
Nun liegen die religiösen Heiligtümer Saudi-Arabiens zwar im Westen des Landes und wären deshalb durch eine schiitische Sezessionsbewegung kaum gefährdet, doch im Osten Saudi-Arabiens, und zwar genau dort, wo die Schiiten die Bevölkerungsmehrheit stellen, befinden sich riesige Ölvorkommen. Das größte Ölprojekt der Welt, das von Cheneys Ex-Firma Hulliburton durchgeführte Qatif Project, wird durchgeführt in – leicht zu erraten – Qatif, also genau da, wo möglicherweise gerade eine schiitische Sezessionsbewegung entsteht. Wenn es zu einer breiten internationalen Solidarisierungsbewegung mit den schiitischen Freiheitskämpfern kommt, wäre das für die USA, das saudische Königshaus und die Herrscher der umliegenden Feudalstaaten sehr unangenehm. Man stelle sich nur vor, die Menschen fordern da eine islamische Revolution und Demokratie nach iranischen Vorbild. Dieser Krieg soll deshalb nicht wahrgenommen werden. So erklärt sich das Schweigen westlicher Medien zum brutalen Krieg gegen die Houthi.
Das mittelfristige Schreckensszenario für den Westen könnte etwa so aussehen, dass eine schiitische Sezessionsbewegung in Saudi-Arabien an militärisches Know-How wie die Houthis kommt. Da es der saudischen Armee bisher offenbar nicht gelungen ist, die Grenze zu den Houthis wirklich dicht zu machen, wäre auch der Weg für Waffen frei. Und wenn es im Osten Saudi-Arabiens zu einem militärischen Konflikt mit einer schiitischen Sezessionsbewegung käme, dann würde dieser Krieg mitten auf den größten Ölreserven der Welt ausgetragen werden. Selbst wenn es schiitischen Widerstandskämpfern nicht gelingen würde, gegen die hochgerüstete saudische Armee zu bestehen, so wäre ein langanhaltender Guerillakrieg im Osten Saudi-Arabiens ein Alptraum für die Ölversorgung des Westens. Profitieren würden von geringerer Ölförderung in Saudi-Arabien und daraus folgenden höheren Ölpreisen hingegen Ölexporteure wie der Iran und der inzwischen über sehr gute Beziehungen zum Iran verfügende Irak.
Und nun ist auch klar, worum es bei dem internationalen Krieg auf der arabischen Halbinsel geht: um Öl, ganz viel Öl.
Tageschance
. AG Friedensforschung "Friedensratschlag"
DFG-VK
Informationsstelle Militarisierung (IMI) e. V.
Aktionsbündnis Sozialproteste
attac
Campact
InfoNetzwerk-Berlin