Hartz IV schießt den Vogel ab!

Entnommen aus der Onlinezeitung scharf-links, 27.07.10
Von Kanarienvögeln, Ich-AG, Kapitalismus und Bedingungslosem Grundeinkommen!

von Hans-Dieter Wege

Einen Vogel in einer Tierpension unterzubringen, kostet Frauchen oder Herrchen pro Tag im Schnitt neun Euro, für den Monat 270 Euro. Einem Kind im Alter von sieben bis 14 Jahren steht ein monatlicher Regelsatz in Höhe von 251 Euro zu.
Die Lebenshaltungskosten für ein Kind sind somit niedriger angesetzt als die Kosten für einen Kanarienvogel in einer Tierpension.
Eltern, füttert eure Kinder nicht mit Vogelfutter, sonst reicht das Geld nicht!

http://www.pfoetchenhotel.de/PHPreisliste.pdf

Heute, auf der Fahrt nach Bremen ging mir die obige Geschichte einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Wie leicht, und mit welch geringen finanziellen Mitteln könnte doch ein Hartz IV -Empfänger hier heraus vielleicht eine eigene Existenz basteln. Ein Raum würde schon genügen, jeden Monat 30 Tage lang 10 Kanarienvögel oder andere Vogelarten von Vogelfreunden in Pension genommen und schon würde man hiermit ungefähr 3000 Euro im Monat brutto verdienen. Bestimmt ließe sich hiermit unter Umständen eine Ich-AG gründen.
Doch wie würde das jetzt wohl der Kapitalist angehen? Dieser würde bestimmt erst einmal den vorhandenen durchschnittlichen Bedarf eines Monates prüfen. Wäre es z.B. möglich die Vögel von 100 Vogelfreunden jeden Monat in Pension zu nehmen, würde er sehr wahrscheinlich erst einmal zu seiner Bank laufen. Hier würde er ein Konzept vorstellen und eine Finanzierung beantragen. Auch der Kapitalist bräuchte ja eigentlich nur einen einzigen geeigneten Raum, er würde hier dann mehrere mehrgeschossige Regale aufstellen, so dass man 100 Käfige unterbringen könnte.
Für die Betreuung, Versorgung der Vögel und die Abwicklung der Pensionsgeschäfte würde er dann wohl sehr wahrscheinlich neun 400 Euro-Kräfte einstellen, so dass ein Geschäftsbetrieb von 12 Stunden an jedem Tag des Monates gewährleistet wäre.

Selbst, wenn der Kapitalist einen Mindestlohn von 10 Euro in der Stunde zahlen würde, so wären das für 360 Stunden nur 3.600 Euro. Allerdings bei einem Umsatz von 30.000 Euro wären das dann wohl Peanuts für den Kapitalisten, selbst wenn für die verschiedensten Versicherungen noch zusätzliche Kosten anfallen. Würde es nun das Bedingungslose Grundeinkommen in Deutschland geben und man nehme einmal an, dass in diesem Moment der Kapitalist auf den gesamten Umsatz eine Steuer von 50 Prozent zahlen müsste, so käme er immer noch gut auf seine Kosten und würde auch immer noch Profit machen.

Zu den Vorschlägen der Bremer Montagsdemo nach einem über eine Arbeitskraftabgabe in Höhe des jeweiligen Mindestlohnes finanzierten bedingungslosem Einheitsgrundeinkommen müsste dieser Kapitalist allerdings alle seine Mitarbeiter mindestens 4 Stunden am Tag in einer Fünf-Tage-Woche beschäftigen, zumindest wenn die Mitarbeiter das so verlangen.

So würde jeder der dann in Vollzeit von 87 Stunden im Monat beschäftigten Mitarbeiter bei einem Mindestlohn von 10 Euro in der Stunde mindestens 870 Euro verdienen, beispielsweise in 90 Stunden, jeweils 1 Viertel der gesamten Arbeitszeit genau 900 Euro.So würden sich die benötigten Arbeitszeiten von 360 Stunden sehr gerecht auf 4 Mitarbeiter verteilen. Jeder dieser Mitarbeiter würde über ein bedingungsloses Einheitsgrundeinkommen bereits über ein Einkommen von 1000 Euro netto verfügen und fünfzig Prozent des ausgezahlten Gehaltes würden dieses Einkommen ergänzen.

Das Einkommen jedes Mitarbeiter würde somit mindestens 1450 Euro betragen. Vom seinem Umsatz von 30.000 Euro müsste der Kapitalist also mindestens 3.600 Euro an Lohn zahlen. Weiterhin eine Arbeitskraftabgabe von 3.600 Euro für die 360 Arbeitsstunden. Das wären dann Kosten von 7.200 Euro für die Arbeit plus eventueller notwendiger gesetzlicher Versicherungen, für Miete oder Tilgung sowie für Energie u.ä. Vom Umsatz scheinen allerdings so ungefähr 2Drittel, also aus dieser Rechnung 20.000 Euro im Monat übrig zu bleiben. Selbst wenn man dann diesen Betrag zusätzlich noch einmal mit 50 Prozent versteuert wären es immer noch 10.000 Euro Profit, zusätzlich der 1000 Euro für jedes Familienmitglied der Familie des Unternehmers aus dem bedingungslosem Einheitsgrundeinkommen. Ich hoffe, ich kann durch dieses kleine Beispiel, was ja im Prinzip genauso auch im großen Stil funktionieren müsste, die Notwendigkeit zur Einführung des Bedingungslosen Einheitsgrundeinkommen auf Kosten des Profits hiermit einiger Maßen verständlich erklären.

Und wenn dann noch einmal Personen ganz provokant auf den Montagsdemos fragen:„Was soll denn eurer Meinung nach Hartz IV kommen?“ – sollte die Antwort doch gleicher Maßen lauten:„Als erster Schritt das bedingungslose Einheitsgrundeinkommen, auf Kosten der Profite der Unternehmen mit einem Rechtsanspruch auf die tatsächlich notwendigen monatlichen Arbeitsstunden aller erwerbsfähigen Menschen in Deutschland!“

Und genau so stelle ich mir die mögliche Überwindung von Hartz IV vor, ohne jeden Zwang aber mit dem hundertprozentigen Recht auf Teilhabe der Menschen an jeder Art von Arbeit, wenn sie das denn möchten. Übrigens, auch die Kommunen dürften hiernach eigentlich keine finanzielle Probleme mehr haben!

Hans-Dieter Wege,
Oldenburg den 26. 07. 2010

PS: „Aber immer noch schießt Hartz IV den Vogel ab!“

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